Einige Landschaftsformationen Nordnorwegens entstanden erst während der letzten Eiszeit vor knapp 20.000 Jahren – in einem Bruchteil einer Sekunde im Vergleich zum Alter der Erde. Das Gestein allerdings, durch das sich die Gletscher gruben, ist teilweise über 3 Milliarden Jahre alt. Die Geologie des hohen Nordens bietet daher spannende Einblicke in die Entstehungsgeschichte der Erde.

Zweitältestes Gebirge der Welt – erst kürzlich überformt

Die Berge der Insel Ringvassøya nördlich von Tromsø haben bereits 1,7 bis 3 Milliarden Jahre auf dem Buckel – ein respektables Alter vor dem Hintergrund, dass die Erde insgesamt 4,6 Milliarden Jahre alt ist. Das nordnorwegische Grundgebirge gehört teils zu den ältesten Gesteinen der Welt – sein Erscheinungsbild ist jedoch von den jüngsten geologischen Ereignissen überprägt. Bis zu 40 Eiszeiten, deren letzte vor etwa 10.000 Jahren endete, haben die Landschaft so geformt, wie wir sie heute kennen. 

Die „Alten“: Grundgebirge und kaledonisches Faltengebirge

Nordnorwegen beherbergt im Wesentlichen zwei Gebirgsarten: das Grundgebirge und das kaledonische Faltengebirge. Der Baltische Schild aus uraltem Grundgestein erstreckt sich über große Teile Finnmarks und der Grenzregionen von Troms, tritt jedoch auch auf den Lofoten, den Vesterålen und in der Inselregion von Troms zutage. Sein Gestein, mindestens 1,7 Milliarden Jahre alt und teils noch deutlich mehr, besteht aus Graniten und Gneisen. Die heute weitgehend erodierte Bergkette der kaledonischen Gebirgsbildung hingegen ist „erst“ etwas über 400 Millionen Jahre alt und entstand durch Plattentektonik: von Westen her schob sich das Land phasenweise über das Grundgebirge und bildete so mehrere Schichten aufgefalteter Landmassen. 

Jüngerer Kontinentalschelf

Der Kontinentalschelf oder auch -sockel hingegen besteht aus wesentlich jüngeren Gesteinsarten: Sandstein, Tonstein und Schiefer. Hierin sind Lagerstätten eingeschlossen, die Erdöl, Erdgas und Kohle führen. Auch große Teile Spitzbergens sind Teil des angehobenen Kontinentalschelfs und für ihre Kohlevorkommen bekannt. Außerdem werden hier Fossiliensucher fündig. Auch auf Andøya gibt es ein kleines Gebiet mit Kohle und Fossilien aus erdgeschichtlich jüngeren Zeiträumen.

Quartär: Immer wieder Eiszeiten

In den vergangenen 2,5 Millionen Jahren durchlebte Norwegen etwa 40 Eiszeiten. Die letzte von ihnen erreichte ihren Maximalstand vor 210.000 bis 17.000 Jahren. Dabei lag das gesamte Binnenland unter einem mehrere Kilometer mächtigen Eisschild mit dazwischenliegenden eisfreien Gipfeln, den Nunataks. Die abfließenden Gletscherzungen bedeckten die Küste bis auf den Kontinentalsockel hinaus. Die Spuren dieser Vereisungen, insbesondere der letzten, sind überall in Nordnorwegen sichtbar.

Nunataks – die heutigen alpinen Gipfel

Die Küstenregionen waren während der Eiszeiten von einem weitverzweigten Netz aus Talgletschern geprägt, die in Richtung Meer strebten, sowie Kargletschern, die sich in die Tiefe gruben. Die höheren Berggipfel, sogenannte Nunataks, ragten aus dem Eisschild empor und wurden durch Frostsprengung zu spitzen, scharfkantigen Erhebungen geformt, während die Gletscherströme eine zerklüftete Küstenlandschaft sowie die charakteristischen Fjordlandschaften an den Küsten von Nordland und Troms schufen.

Küstenebene wird zum Inselparadies

In Helgeland liegen zwischen dem Festland und den äußersten Schären 60 Kilometer, dazwischen breiten sich etwa 20.000 Inseln aus. Aus der Luft erscheint das Gebiet wie ein Gewirr flacher Inseln, aus dem immer wieder markante, mehrere hundert Meter hohe Bergformationen herausragen. Ursprünglich befand sich hier eine flache Ebene – die wiederum durch Wellen und Meereis gebildet worden war, das von den Gezeiten hin- und hergeschoben wurde. Während der Eiszeit verwandelten die auf das Meer hinausströmenden Gletscherzungen die Küstenebene schließlich in ein Labyrinth aus Inseln und Wasserflächen. Auf der Höhe von Helgeland erreicht diese Landschaftsform ihre größte Breite, in Richtung Nordkap verjüngt sie sich zunehmend. 

Schrumpfende Gletscher hinterlassen Moränenlandschaft

Vor 17.000 Jahren begann das Eis zu schmelzen – jedoch nicht gleichmäßig, sondern in Schüben. Diese erfolgten zuweilen so rasch, dass die Menschen, die die freiwerdenden Landmassen vor 11.000 bis 12.000 Jahren besiedelten, im Laufe eines Menschenalters beobachten konnten, wie sich das Eis zurückzog. Dann wiederum verzögerte sich der Schmelzvorgang, oder das Eis rückte sogar wieder vor – wie vor etwa 12.000 Jahren. Noch heute sind die von wandernden Gletschern abgelagerten Schuttmassen als Moränen und Sediment-Deltas in der Landschaft erkennbar.

Aufsteigende Landmasse verschiebt Strandlinie

Das enorme Gewicht des kilometerdicken Eisschildes drückte die Landmassen während der Eiszeiten nach unten. Als das Eis schmolz, wurden die Küstengebiete zwar zunächst vom Meer überschwemmt – gleichzeitig begann das Land jedoch sich anzuheben, wobei die inneren Landesteile, auf denen der größte Druck lastete, am stärksten aufstiegen. Dieser Prozess lief zu Beginn relativ rasch ab und nahm mit der Zeit an Intensität ab. Die fruchtbaren Äcker entlang der Fjorde von Nordland und Troms bestehen aus ehemaligem Meeresboden, der im Laufe der letzten 8.000 Jahre aufgetaucht ist. In den trockeneren Heidelandschaften entlang der Fjorde in Finnmark mit spärlicherer Vegetation sind die ehemaligen Strandlinien noch gut erkennbar.