Von 1944 bis 45 wurden 75 000 Menschen aus der Finnmark und Nordtroms zwangsevakuiert. 25 000 von ihnen konnten in die Berge fliehen. Ihrer sichtbaren Geschichte beraubt bauten die Finnmarker nach dem Krieg eine neue, moderne Gesellschaft mit neuen Werten auf. Das Wiederaufbaumuseum in Hammerfest erzählt die Geschichte der Zwangsevakuierung, der Höhlenbewohner und des Wiederaufbaus. Den Besuchern treten dabei oft die Tränen in die Augen.

Die alte Finnmark

In der Finnmark und Nordtroms lebten vor dem Krieg drei verschiedene ethnische Gruppen: die Samen, die Kvenen und die Nordweger. Die einen wohnten noch in Gammen mit den Haustieren unter einem Dach, andere wohnten in finnischen oder vorgefertigten Blockhütten, die als Bauset vom Weißen Meer in die Fischerdörfer geliefert worden waren. In den „besseren“ Gegenden von Hammerfest und Vardø herrschte die bunte norwegische Holzarchitektur vor. Die neue Industriestadt Kirkenes repräsentierte die Moderne. Die Vorkriegsfinnmark wurde also nicht nur von mehreren Ethnien geprägt, die Menschen hier befanden sich auch auf der ganzen Skala von der Naturgesellschaft bis zur moderne Industriegesellschaft.

Neue Front

Von 1941 bis 44 beschränkten sich die Kriegshandlungen in der Finnmark auf die Gegend um die Front, also die Ostfinnmark. Im Herbst 1944 aber drückte die Sowjetunion die Front in norwegisches Gebiet bei Kirkenes. Die deutsche Wehrmacht beschloß deshalb eine neue Front zwischen dem Lyngenfjord und der schwedischen Grenze zu errichten. Das Gebiet östlich des Lyngenfjordes wurde zwangsevakuiert. Die Häuser sollten abgerissen, die Brücken gesprengt und die Infrastruktur zerstört werden. Nichts davon durfte den Russen in die Hände fallen.

Zerstörung

Die Ostfinnmark wurde schnell evakuiert, für die Zerstörung blieb also wenig Zeit. Deshalb gibt es hier noch erhaltene Vorkriegsgebäude. In der Westfinnmark und Nordtroms dagegen bis hinunter nach Manndalen im Kåfjord war die Zerstörung komplett. 11 000 Wohnhäuser, 350 Brücken, 22 000 Telegrafenmasten, 27 Kirchen und die menschliche Zivilisation verschwanden von der Bildfläche.

Zwangsevakuierung

50 000 Menschen wurden zwangsevakuiert und größten Teils mit dem Schiff nach Tromsø gebracht. Von dort wurden die Evakuierten nach Süden geschickt, wo sie bei der dortigen Bevölkerung einquartiert wurden. Nur einen Koffer oder Rucksack durften sie mitnehmen. Manche vergruben ihre Wertgegenstände oder Möbel. Im Großen und Ganzen aber verloren die Menschen ihr gesamtes Hab und Gut.

Höhlenbewohner

Die norwegische Regierung in London forderte die Menschen per Radio auf sich der Zwangsevakuierung zu wiedersetzen. Rund 25 000 versuchten sich deshalb der Evakuierung zu entziehen, indem sie sich in Höhlen in den Bergen versteckten. Sie hatten nicht erwartet, dass sie den ganzen Winter sich selbst überlassen bleiben sollten. Man hatte geglaubt die Alliierten würden schneller vor Ort sein. Schwangere, Kinder und Alte einen ganzen Winter lang in Höhlen– ob Ratschlag der London-Regierung so klug war wurde später stark angezweifelt.

Frieden und Rückkehr

Als endlich der Frieden kam wollte die norwegische Regierung erst die Finnmark und Nordtroms wiederaufbauen, bevor die Bevölkerung zurückkehrten sollte. Ein raues Klima, Minenfelder und das Fehlen der Infrastruktur machten einen Plan nötig. Die Finnmarker aber wollten nicht warten und machten sich bereits im Sommer 1945 selbständig auf den Weg nach Hause..

Ruinen und Baracken

Als die Menschen nach Hammerfest zurückkamen erkannten sie das Straßennetz nicht wieder und konnten die Grundmauern ihrer Häuser nicht mehr finden, so zerstört war die Stadt. Im ersten Winter wohnte man in Zelten- oft mit Planken von deutschen Rollbahnen verstärkt -, unter umgestürzten Booten oder in den guten alten Gammen, den Erdhütten aus Torf. Nach und nach wurden Baracken gebaut, wo eine Familie in einem Raum ohne Strom und Wasser leben konnte.

Wiederaufbau

Der Wiederaufbau der Finnmark und Nordtroms war ein Neuanstrich für die Nation. In der zweiten Hälfte der 40-iger Jahre lebten die Finnmarker in Baracken. In den 50igern wurden Städte, Fischerdörfer und kleine Orte mit modernen Häusern wieder aufgebaut. Eine Architektur, die noch heute das nördlichste Norwegen prägt. Der Wohnstandard stieg somit an und in den 70-iger Jahren gab es in den Vororten von Oslo weit mehr Häuser ohne Bad und Toilette als in der Finnmark.

Moderne Werte

Nicht nur die alten Häuser waren fort, auch Möbel, Geräte und Hausrat waren verschwunden. Alle fingen von vorne an. Der Wiederaufbau war vom Wunsch nach einem modernen Lebensstil, z.b. der richtigen Möblierung der Häuser, geprägt. Die samische und kvenische Kultur galt bald als altmodisch und wertlos. Die Finnmarker wurden den Norwegern ähnlicher.

Häuser vorher und nachher

Im Turm ist eine Fotoausstellung mit Bilder der Städte, Fischerdörfer und Orten vor dem Krieg und nach dem Wiederaufbau zu sehen. Deutlich zeigen die Bilder wie die Kulturlandschaft der Finnmark sich von einer vielseitigen, mehrethnischen und besonderen Architektur zu einem einheitlichen Nachkriegsstil veränderte.

Das Wiederaufbaumuseum

Das Wiederaufbaumuseum in Hammerfest erzählt von all dem: Vom Kontrast zwischen dem 17.Mai 1945 in den Ruinen von Vadsø und einer Freudenszene aus Oslo, vom  eingegrabene Friseurstuhl aus Hammerfest und dem Taufkleid mit Hakenkreuzmuster für das Kind eines deutschen Soldaten und einem Mädchen von Sørøya. Augenblicke aus Menschenschicksalen kommen durch die Schwarz-Weiß-Bilder, Schaukästen und Modelle zum Ausdruck. Das Wiederaufbaumuseum bietet eine umfassende, durchgeplante und  ausbalancierte Wiedergabe der Thematik, vor allem aber bewegt es den Besucher.

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