Auf der Insel Engeløya in Steigen liegen die Zeugnisse der Vergangenheit dicht an dicht. Nordnorwegens größtes Hügelgrab, eine merkwürdige Militäranlage aus der Eisenzeit, eine stattliche Steinkirche, ein hoher Bautastein – doch ebenso Liebesdramen, goldgelbe Lilien und schmackhafte Mösbrömlefse: die Landschaft Steigens ist voller Überraschungen.

Fruchtbare Kulturlandschaft

Grüne Felder, große Laubbäume und wohlbestellte Höfe: die Insel Engeløya in Steigen öffnet sich zum Golfstrom hin, geschützt von mächtigen Bergen. Von hier aus blickt man auf das bizarre Panorama der Lofoten und große Teile Nordnorwegens sind auf dem Seeweg schnell erreichbar. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Engeløya in Steigen geschichtlich einiges zu bieten hat. Eine Wanderung durch die malerische Landschaft erschließt wahre Schätze der Kulturgeschichte.

Der Sigarshügel

Neben der Kirche, mitten im Ort, liegt der große Sigarshügel. Nordnorwegens größter Grabhügel ist 3 Meter hoch, hat einen Durchmesser von 35 Metern und entstand vermutlich im 7./8. Jahrhundert. Da keine Ausgrabungen vorgenommen wurden, weiß man nicht, was sich in ihm verbirgt - doch er dominiert die ganze Umgebung. Oberhalb des Grabhügels liegen die Grundmauern des Richterhofes. Der Richter war der Rechtsprecher für ganz Hålogland und vom Mittelalter an bis 1797 hier ansässig.

Der Steigen-Thing

Wir wissen, dass der „Steigarthing“ im Mittelalter in Steigen abgehalten wurde und dass Menschen aus ganz Hålogaland – demjenigen Teil Nordnorwegens mit altnordischer Bevölkerung – hier zusammenkamen, um über Recht und Unrecht zu sitzen, wichtige Entscheidungen zu treffen und sich zu beraten. Wie lange der Steigen-Thing zurückreicht, wissen wir nicht, vermutlich entstand er jedoch in der Wikingerzeit.

Die Kirche Steigen

Dass die Kirche direkt neben dem Sigarshügel steht, ist kein Zufall. Hier befand sich in der Wikingerzeit vermutlich der alte „Gudehovet“ - eine Art Tempelanlage, in der der Fürst von Steigen im Namen aller Bewohner das heidnische Opferritual durchführte und auf diese Weise auch das religiöse Leben der Menschen kontrollierte. Daher war es im Zuge der Christianisierung von Bedeutung, die Kirche genau dort zu bauen, wo zuvor die Tempelanlage stand. Der Chor der heutigen Kirche bildet die östliche Hälfte der Kirche, die im 13. Jahrhundert errichtet wurde. Das Schiff stammt von 1869.

Das Vollmotunet – Anlage aus der Eisenzeit 

Auf einer idyllischen, grünen Wiese in Richtung Steigberg findet man ein bemerkenswertes Kulturdenkmal aus der Eisenzeit. Im 6./7. Jahrhundert stand auf diesem Platz, der heute Vollmoen genannt wird, eine kreisförmige Anlage mit 16 Torfhäusern. Sie wurde in den 1940er Jahren ausgegraben. Um die Anlage herum sieht man muldenförmige Vertiefungen, sogenannte Kochgruben, in denen man große Mengen an Speisen zubereitete, die man lange in der Glut garen ließ. Allerdings fand man keinerlei Reste von Hofbetrieben oder Tätigkeiten, die von Frauen ausgeübt wurden – dies war also ein reiner Männerort.

Größenordnung

Die Anlage fasste mehrere hundert Menschen – wozu sie diente, weiß man jedoch nicht mit Bestimmtheit. Vielleicht handelte es sich um ein Trainingslager oder eine Kaserne, die zeitweise von den Kriegern des Fürsten von Steigen genutzt wurde, in sicherer Distanz zum Meer. Sicher ist jedenfall, dass hier niemand dauerhaft lebte. Die Größe der Anlage deutet jedenfalls auf eine Konzentration wirtschaftlicher und militärischer Macht in Steigen, deren Grundlage im Handel und im Umgang der altnordischen Fürsten mit den Samen liegt

Hagbard und Signe

Die unglückliche Liebesbeziehung von Hagbard und Signe ruht über der Kulturlandschaft Steigens. Signe war die Tochter von König Sigar von Steig. Er hatte sie an einen König in Russland verlobt. Signe liebte jedoch den Fürstensohn Hagbard von Vågan auf den Lofoten. Dieser schlich sich in Frauenkleidern in Signes Gemächer und plante mit ihr gemeinsam ihre Flucht auf die Lofoten, wobei sie einen Todespakt schlossen. Signes Sklavin verriet das Vorhaben jedoch und Hagbard wurde zum Tode verurteil. Vom Hinrichtungsort auf der Insel Hagbardholmen sah Hagbard Rauch über Signes Haus: sie hatte Feuer gelegt, um mit ihm in den Tod zu gehen. Die Sage von Hagbard und Signe lebt alle zwei Jahre im Historientheater Hagbard und Signe wieder auf. Sigarshügel, Hagbardholm und Signelillstein stehen allesamt im Zusammenhang mit der Sage.

Der Langstein

Mitten im Ort thront ein Bautastein –3 Meter hoch, doch der Volksmund berichtet, dass nur die Hälfte des Steins aus dem Boden ragt. Einige mittelalterliche Hausmarken markieren die Grenze zwischen zwei der größten Höfe Steigens.  Der Stein ist wohl viel älter und gemäß einer Sage aus Steigen wurde er im Andenken an einen Kleinkönig in Steigen errichtet, der von einem Feind getötet wurde, dem Kleinkönig Vågan. Ebenso ist es möglich, dass der Stein zur Kennzeichnung eines Grabes errichtet wurde.

Steigen-Lilie

Der Garten des Pfarrhofs Steigen ist heute eine malerische, parkartige Anlage mit wärmeliebenden Laubbäumen wie Eiche, Esche, Roßkastanie, Linde, Ahorn und Blutbuche. In den Jahren 1870-80 war dies ein fruchtbarer Garten mit 600 verschiedenen Ziergewächsen. Der Propst Johan Karl Richard Wisløff war nämlich ein Vorreiter in der Entwicklung des Gartenbaus in Nordnorwegen und testete in Zusammenarbeit mit dem botanischen Garten in Christiania, dem heutigen Oslo, beständig neue Arten für diese Klimazone. Im Laufe der Zeit wurden jedoch die Bäume zu groß und die Pflege zu zeitaufwändig, weshalb die Anlage verwilderte. In jüngster Zeit legte man einen Ziergarten im Freilichtmuseum Steigen an, in dem viele der alten Pflanzen zu sehen sind, die Wisløff einführte. Am bekanntesten ist die Krim-Lilie (Lilium monadelphum), die in Nordnorwegen natürlich Steigen-Lilie genannt wird. Gegenüber dem Pfarrhof liegt übrigens der Nusswald, das weltweit nördlichste Vorkommen wilder Haselnüsse.

Vielfältiges Steigen

Auf der Insel Hagbardholmen, wo Hagbard gemäß der Sage hingerichtet wurde, gibt es mehrere Hügelgräber. Unterhalb des Steigberget ganz im Westen der Gemeinde liegen die Reste großer Bootshäuser, die Wikingerschiffen von der Größe des Osebergschiffes Platz boten. Der Doktorhof wurde zum Freilichtmuseum Steigen, mit historischen Gebäuden aus der Umgebung und einem Staudenbeet mit Steigen-Lilien. Ein intensives Gaumen-Erlebnis versprechen die Mösbrömlefser, eine Delikatesse aus dünnflüssigem Braunkäse, Sauerrahm und reichlich Butter, die genügend Energie für die Tour auf dem markierten Pfad über das Bøskaret zum Nachbarort Bø liefert. 

Besuch der Engeløya

Wer mit dem Auto unterwegs ist, fährt von E6 durch den 8 Kilometer langen Steigentunnel und folgt der Beschilderung nach Engeløya. Dort schnürt man gerne die Wanderschuhe, denn ein Netz markierter Wanderwege zieht sich kreuz und quer durch die Kulturlandschaft, deren Höhepunkte mit Hilfe von Plaketten gekennzeichnet sind. Das Freilichtmuseum Steigen bietet regelmäßig Führungen an und fungiert als Orientierungspunkt für die Wanderwege im Umfeld des Ortes. Unter www.hamsuns-rike.no erhält man sämtliche Reiseinformationen über das Gebiet.