Offen verkaufte Nudeln, Einmalschlüpfer und Reisigbesen: Der geschäftige Kramerladen in Jennestad sieht aus, als wäre er gestern noch in Betrieb gewesen. Im Haupthaus hingegen ist Raum für nachdenkliches Verweilen: Hier befindet sich eine der führenden Galerien der Vesterålen.

Stillgestandene Zeit

Über eine Generation ist es nun her, dass der Laden in Jennestad 8 km nördlich von Sortland endgültig Kassenschluss machte. Seit 1982 wurde er nicht mehr angerührt – die Besucher erleben hier deshalb ein intaktes Geschäft mit einem Warensortiment, das das gesamte 20. Jahrhundert abdeckt. Zu Beginn dieser Ära war Jennestad ein ernstzunehmender Konkurrent des Handelsortes Sortland, doch am Ende muss das Geschäft wie ein etwas angestaubter Zeuge der Vergangenheit gewirkt haben.

14.000 Verkaufsartikel

In seiner Blütezeit führt der Laden 14.000 verschiedene Artikel. Einige Tausend sind noch heute zu sehen: Strumpfhosen, elegante Herrenschuhe und der Wäscheschlager der Sechziger Jahre – Einmalunterhosen – kleideten die Lokalbevölkerung ein. Die Mädchen aus Sortland fuhren in der Hippiezeit der Siebziger gerne auf Entdeckungstour nach Jennestad. Mit anderen Worten: Der Ort war eine Goldgrube. Das Putzmittel Gloria, Sunlight- und Salmiakseife waren unverzichtbar. Das Teeservice mit Rosenknospen konnte mit Ceylon-Tee aus farbenfrohen Dosen gefüllt werden.

Dies und das

Offene Waren wurden aus Schubladen in der Theke verkauft – Zwetschgen, das damalige Lieblingsgemüse Makaroni, Rosinen, Mandeln, grüne Erbsen und Streichhölzer wurden abgemessen und abgewogen. An der Decke hängen Handmixer, Zinkeimer und Reisigbesen. In Jennestad kann man nur schwer von Dingen trennen: Die Tüten mit dem Ersatzkaffee aus dem 2. Weltkrieg, auf Erbsenbasis hergestellt, sind immer noch da. Man kann auch ein paar Schuhe aus Zellulose mit Holzsohlen bekommen, die zugehörigen Rationierungskarten sind ebenfalls ausgestellt.

Andere Ideale

Verblassende Werbeplakate zeugen von früheren Idealen. Der fesche Pall Mall-Mann verspricht den besten Geschmack aus den U.S.A., während das Lebensmittelfett Flott für die Weihnachtsbäckerei angepriesen wird. Zwischen weiß und blendend weiß gibt es einen Unterschied und Toy-Kaugummi ist einfach erfrischend. Die Melange-Margarine schmeckt gar nicht nach Margarine und das Ostermarzipan Bergene begnügt sich mit einem breiten Lächeln und Sechzigerjahre-Haarschnitt als Verkaufsargument. Unser Lieblingsspruch stammt jedoch von der Schifffahrtsgesellschaft Vesteraalskes Kystruter: «Unsere Erfahrung ist Ihre Garantie». Auf die Vesterålener kann man sich doch einfach verlassen!

Galerie Jennestad

Im krassen Gegensatz zum bunten Durcheinander des Kramerladens herrscht im Hauptgebäude ein zurückhaltender Geist. Das gut erhaltene, weiß gestrichene Haus im Schweizer Stil hat eine hohe Deckentäfelung, die eleganten Fenster blicken auf den Sortlandssund und die Berge der Insel Hinnøya. Das einst so stattliche Interieur ist jedoch verloren gegangen –deshalb stehen nun große Flächen zur Verfügung, die mit Gegenwartskunst gefüllt werden können. Jennestad wurde so zu einer der führenden Sommergalerien der Vesterålen.

Wort, Ton und Bild

Die Galerie ist in drei großen ehemaligen Wohnräumen untergebracht. Ihr Leitthema – Wort, Ton und Bild – spiegelt sich im Dekor wider. Die Ausstellungen wechseln jeden Sommer: Im Laufe der Jahre präsentierten sich bekannte Namen wie Håkon Gullvåg, Niko Widerberg, Håkon Bleken und Frank Brunner. Zudem finden in der Saison kleinere und größere Konzerte und Veranstaltungen statt.

Handelsort Jennestad

Während der Kramerladen bereits 1871 eröffnet wurde, stammt das Haupthaus aus dem Jahr 1917. In dieser Zeit war Jennestad einer der führenden Orte auf den Vesterålen: In den Fischerdörfern an der zum offenen Meer hin gerichteten Seite der Vesterålen wurde Fischhandel betrieben, man baute viele Jahre lang am Hang Grafit ab und das Hinterland eignet sich als ertragsreiche landwirtschaftliche Nutzfläche. Mittlerweile hat Sortland 8 km weiter im Süden Jennestad jedoch längst überholt, denn mit der Einweihung der Schifffahrtsroute Risøyrenna 1922 und der Aufnahme von Sortland in das Hafennetz der Hurtigruten ging es nach und nach bergab mit Jennestad. Doch der Niedergang hat auch seinen Vorteil: Er sorgte letztlich dafür, dass der Kramerladen heute so gut erhalten ist.

Besuch in Jennestad

Alljährlich im Sommer kehrt die Geschäftigkeit nach Jennestad zurück. Von Sortland radelt man gerne die 8 Kilometer hierher, um die Ausstellung zu besuchen, in der Galerie Waffeln zu essen und sich im Kramerladen umzusehen. Hier kann man sogar noch einkaufen – Spiele von früher, Heimkunst und leckere Bonbons. Der Kramerladen ist Teil des Museums Nord, während die Galerie sich in Privateigentum befindet.

Tipps und Anregungen zu allen weiteren sehenswerten Zielen der Vesterålen: www.visitvesteralen.no