Ein abgelegenes Fischerdorf an der äußersten Landspitze der Lofotenkette, dessen Name nur aus einem einzigen Buchstaben besteht, verblüfft als hervorragend erhaltenes historisches Ensemble. „Å“ versetzt den Besucher jäh in das Alltagsleben vor 100 Jahren während des saisonalen Lofotenfischfangs.

Fischerdörfer und Dorfbesitzer

Die Fischerdörfer befanden sich komplett im Eigentum eines einzigen „Dorfbesitzers“ – in manchen Dörfern ist das vermutlich noch heute so. Sein Eigentum umfasste den Grund und Boden, auf dem das Fischerdorf stand, er vermietete Rorbu-Hütten an die für den Lofotenfischfang anreisenden Saisonfischer, kaufte den Fang auf – die Fischer waren zur Ablieferung an ihn verpflichtet –, verarbeitete ihn zu Trockenfisch und verkaufte das fertige Produkt schließlich in den Süden. Außerdem importierte er Waren für die Lebenshaltung und nicht selten auch Luxusgüter. Der Dorfbesitzer hatte in seinem Fischerdorf allumfassende Macht, weshalb er gerne auch „Nessekonge“ genannt wurde – eine etwas spitze Bezeichnung für einen durch königlichen Erlass privilegierten Großkaufmann. Auf den Lofoten gibt es zwar noch heute zahlreiche Fischerdörfer, doch Å als das südlichste und eines der am besten erhaltenen Ensembles wird heute als Fischerdorfmuseum gepflegt.

Komplett erhaltenes Ensemble

Å befindet sich seit 1842 im Besitz der Familie Ellingsen. Noch heute präsentiert sich die Siedlung wie zu ihrer Blütezeit im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert: Das stattliche Herrenhaus wurde 1864 erbaut, zwei weitere attraktive, weiß getünchte Häuser stammen aus den Jahren 1869 und 1875. Zusammen bilden sie einen herrschaftlichen Hof mit zwei schönen historischen Gartenanlagen. Weitere zentrale Gebäude sind das Speicherhaus und der Laden von 1843. Die Rorbu-Hütten und Fischveredelungsanlagen sind in der Umgebung verstreut: die Pökelanlage von 1927, ein Stall von 1885, der Kai von 1934, die Trankocherei von 1850 sowie Häuslerstube, Schmiede und Brennholzschuppen. Sechs der Gebäude sind öffentlich zugänglich – hier kann man in aller Ruhe das historische Ambiente der damaligen Fischerdörfer auf sich wirken lassen. Eine Übersicht der Gebäude findet sich hier

Häuslerstube

Die norwegischen Häusler pachteten den Grund, auf dem ihr Wohnhaus stand, sowie einige Wiesenflächen für die Mahd, um ein paar Nutztiere halten zu können. Als Bezahlung leisteten sie in der Regel Arbeitsstunden beim Dorfbesitzer. Die Häuslerstube in Å wurde ursprünglich in Gildeskål errichtet, 1925 jedoch demontiert und in Å wieder aufgebaut – ein Holzhaus als Bausatz an einen anderen Ort zu verbringen war damals nicht unüblich. Die Küche bildete den größten Aufenthaltsraum, hier war es immer warm. In der Wohnstube sind Webstühle aufgestellt, denn die Handarbeit sicherte den Frauen etwas Zuverdienst.

Bootsschuppen

Der Bootsschuppen ist eine wahre Fundgrube mit einer ansehnlichen Sammlung alter Nordlandboote – vom kleinen Færing für zwei Ruderer über den Trerømming für drei Ruderer bis hin zum Halvfemterømmingen für vier Ruderer. Auch ein umgebautes Nordlandboot mit Motor aus der Zeit um 1915, als Motorboote die Ruderboote allmählich verdrängten, ist Teil der Ausstellung, sowie zahlreiche Fischereiutensilien wie die viele tausend Jahre alte Handangel, eine Imprägnierwanne für Garn, eine elektrische Leinenkurbel aus den 1960er Jahren und Ausstellungen über den Walfang.

Volksglaube

Beim Lofotenfischfang riskierten die Fischer tagtäglich ihr Leben auf dem Meer. Deshalb verwundert es nicht, dass übernatürliche Vorstellungen unter den Menschen verbreitet waren. Am meisten Furcht einflößend ist natürlich das Bild des Klabautermanns – des ertrunkenen Fischers, der ruhelos umherwandert und Fischern in Seenot erscheint. Der Königsdorsch, ein Mutant mit deformiertem Kopf, wurde als Trockenfisch aufgehängt und die Richtung, in die sein Kopf dann zeigte, galt als Windrichtung des nächsten Tages. Ließ man einen Blechteller mit Wasser über Nacht stehen, konnte man tags darauf an den Luftblasen ersehen, wo sich die Fischschwärme befanden.

Trankocherei

Fischtran wurde als Lampenöl genutzt, zur Herstellung von Wandanstrichen und zur Imprägnierung von Leder und Fellen. Das Gebäude der Trankocherei stammt aus dem Jahr 1850, die ehemals darin befindliche Anlage ist jedoch nicht mehr erhalten. Ersatzweise bestückte man das Museum mit einer vollständigen Anlage aus Hopen auf der Lofoteninsel Austvågøya. 1854 konstruierte der Apotheker Peter Møller einen Kessel mit doppeltem Boden und doppelter Wand: Im Hohlraum zwischen den Wandungen befand sich kochendes Wasser zur Herstellung eines milden Trans für medizinische Zwecke. Traditionell wurde Tran abgerahmt: Man ließ das Fett einfach über Wochen oder Monate in einer Tonne stehen und wartete, bis sich der Tran an der Oberfläche absetzte. Das Museum stellt noch heute Lebertran her und bietet seinen Besuchern gerne eine Kostprobe. Ob er schmeckt, ist natürlich Ansichtssache – gesund soll er aber auf jeden Fall sein. Außerdem produziert man hier die früher gebräuchliche Fassadenfarbe aus Tran, um historische Gebäude an der Küste auf traditionelle Weise zu erhalten.

Bäckerei

In der Saison, wenn Hunderte von Lofotenfischern von Å aus ihrem Tagwerk nachgingen, war der Bedarf an Brot groß. Die Bäckerei von 1844 ist mit einem großen Steinofen ausgestattet, in dem bis zu 100 Brote auf einmal Platz finden. Im Sommer geht es noch heute richtig betriebsam zu: Dann zieht der Duft von Brotwaren und Zimtschnecken über das Gelände, die auf althergebrachte Weise über Birkenholzfeuer gebacken werden. Die Bäckerei fungiert dann als Museumscafé, wo man den Bäckern bei der Arbeit zusehen kann.

Anfahrt und Besuch des Museums

Å liegt am Ende der Straße zur Südspitze der Lofoten und kann sowohl mit dem Auto als auch mit dem Linienbus erreicht werden. In direkter Nachbarschaft befindet sich ein weiteres Museum – das Trockenfischmuseum, das eine hervorragende thematische Ergänzung zum Norwegischen Fischerdorfmuseum darstellt, weshalb www.nordnorge.com den Besuch beider Museen empfiehlt. In der Museumsbäckerei lässt sich eine erholsame Kaffeepause einlegen.