Fast die gesamte Bebauung der Finnmark fiel dem 2. Weltkrieg zum Opfer. In Vadsø und Varanger sind jedoch einige historisch wertvolle Gebäude erhalten geblieben. Sie zeugen von einer Vielvölkerregion im äußersten Nordosten Norwegens.

Die Kvenen

Die in Nordnorwegen lebenden Menschen finnischer Abstammung werden traditionell Kvenen genannt. Vermutlich bestehen auf der Nordkalotte seit Langem grenzüberschreitende Beziehungen zwischen verschiedenen Volksgruppen. Die heutige kvenische Bevölkerung ist auf mehrere jüngere Besiedlungs- und Einwanderungswellen im 18. und 19. Jahrhundert zurückzuführen. Die ersten Einwanderer ließen sich in Troms und der westlichen Finnmark nieder, später wurde jedoch bevorzugt die östliche Finnmark und hier vor allem die Region Vadsø angesteuert, die deshalb als Hauptstadt der Kvenen gilt. Kulturell sind die Kvenen in der westlichen Finnmark und in Troms stärker präsent, im Osten ist allerdings eine größere Zahl an Gebäuden und weiteren sichtbaren Zeugnissen erhalten –obwohl die Besiedlung hier erst im 19. Jahrhundert einsetzte. Grund für das Interesse der Kvenen an dieser Region war der Fischreichtum im Varangerfjord, verstärkt durch eine Hungersnot in Finnland in den 1860er Jahren, der letzten großen Hungerkatastrophe Westeuropas zu Friedenszeiten. 

Tuomainen-Hof

Im Stadtteil Ytrebyen, auch Äußere Kvenenstadt genannt, stößt man auf eine Hofanlage aus dem 19. Jahrhundert in traditionellem Rot, 1851 von Johan Petter Vinikka erbaut, einem finnischsprachigen Einwanderer aus Tornedalen im äußersten Norden Schwedens. Der Hof diente bis in die 1980er Jahre als Wohnhaus, weshalb das Interieur in zahlreichen Details die laufende Weiterentwicklung der Nutzung widerspiegelt. 1918 wurde das Anwesen vom Ehepaar Tuomainen erworben, auf das der heutige Name zurückgeht.

Vollständige Hofanlage

Der Tuomainen-Hof ist ein sogenanntes «Varangerhaus» - ein Haustyp, der in mehreren Varianten anzutreffen ist und in der östlichen Finnmark unter dem Einfluss der hier lebenden Volksgruppen aus den Nachbarländern entwickelt wurde. Das Ensemble besteht aus mehreren Gebäuden – Wohnhaus, Stall und Schuppen – die einen Hof umschließen, wobei das Wohnhaus zur Straße hin gerichtet ist, während die Nebengebäude rückwärtig liegen. Das Wohnhaus ist über einen Gang mit dem Stall verbunden, so dass die Tiere versorgt werden konnten, ohne das Haus verlassen zu müssen. Die Hofanlage wurde im Laufe der Jahre mehrmals verändert, unter anderem wurde das Dach des Wohnhauses angehoben. Dessen Inneneinrichtung spiegelt die Veränderung der Wohntraditionen über 150 Jahre hinweg wider, die Wandleuchter im Wohnzimmer etwa stammen aus den 1960er Jahren.

Backstube und Sauna

Als finnischstämmige Einwanderer brachten die Kvenen selbstverständlich die Sauna nach Nordnorwegen mit. Die Rauchsauna des Tuomainen-Hofes ist noch erhalten, der Ruß an der Decke noch deutlich erkennbar. Zeitweise wurde der Raum als Schmiede genutzt, wovon auch die heutige Einrichtung zeugt. Nach dem Krieg wurde die Sauna in den Stall verlegt, wo sie noch heute regelmäßig genutzt wird. Auch der große Backofen ist noch immer in Betrieb. Er wurde früher für die ganze Nachbarschaft angeheizt, die gegen einen Obolus ihre Brote hier backen lassen konnte. In der Äußeren Kvenenstadt gab es sechs derartiger Backstuben. Der Ofen funktioniert heute noch wie eh und je und bietet Platz für 15-20 Laibe.

Esbensen-Hof

Der Esbensen-Hof repräsentiert kulturell wie architektonisch etwas völlig anderes: Er wurde 1848-49 von einem norwegischen Kaufmann als Wohnhaus im Empirestil errichtet. Die Außenverkleidung ist in waagrechtem Bergen-Panel ausgeführt, was damals bei den stattlicheren Häusern an der Finnmarksküste üblich war, heute jedoch weithin verloren gegangen ist. Der Esbensen-Hof ist ebenfalls ein komplettes Ensemble mit Ställen und weiteren Nebengebäuden im Hinterhof. Das Interieur im Erdgeschoss des Wohnhauses stammt aus der Biedermeier- bis hin zur Nachkriegszeit und umfasst u.a. Polstersofas, Schränke und Kronleuchter. Kleine Ausstellungen vermitteln Themen aus der Stadtgeschichte Vadsøs.

Stadtgeschichte von Vadsø

Die Siedlung Vadsø wuchs infolge des Fischhandels am Varangerfjord zur Stadt heran und erhielt 1833 die zugehörigen Rechte. Vor allem Einwanderer aus Finnland, die Ende des 19. Jahrhunderts die Bevölkerungsmehrheit bildeten, trugen zu diesem Wachstum bei. Die Kvenen lebten in den Stadtteilen Ytrebyen, Kvænbyen und Indrebyen (bzw. in der Äußeren und Inneren Kvenenstadt), während sich die Norweger in Midtbyen konzentrierten. Während des 2. Weltkrieges wurde Vadsø Ziel mehrerer Luftangriffe von sowjetischer Seite, die vor allem den Stadtteil Midtbyen in Schutt und Asche legten. Eine Reihe von Häusern außerhalb des Stadtzentrums jedoch blieb verschont, weshalb man in Vadsø heute die traditionelle Finnmarksarchitektur studieren kann.

Besuch des Museums Vadsø

Der Tuomainen- und der Esbensen-Hof bilden zusammen mit mehreren großen Anlagen das Museum Vadsø, das ganzjährig geöffnet ist.  Im Sommer werden lange Öffnungszeiten, Führungen und zahlreiche Aktivitäten geboten. Im Winter kann man den Höfen einen ungestörten Besuch abstatten – ganz im Sinne des Jahresrhythmus zur Zeit der Entstehung der Anlagen.

Nähere Informationen

  • DasVaranger Museum bietet eine reichhaltige, interessante Homepage mit zahlreichen Informationen über die historischen Anlagen.
  • Der lokale Tourismusverband Destinasjon Varanger informiert über alle übrigen Erlebnisse und Aktivitäten in Vadsø und Nesseby.