Nach dem Absturz des Luftschiffes «Italia» im Frühsommer des Jahres 1928 saßen 10 Männer 48 Tage lang im Packeis nördlich von Svalbard fest. Die Blicke der Weltöffentlichkeit richteten sich gebannt in den Norden. Das Spitzbergen Airship Museum vermittelt die spannende Geschichte der Entdeckungsfahrten in die Arktis.

Fahrtziel Nordpol

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Polarmeer noch weitgehend unerforscht. Man wusste nicht, ob sich der Nordpol auf festem Grund befand oder im Meer. In den Jahren 1906, 1907 und 1909 unternahm der Amerikaner Walter Wellman drei Versuche, den Nordpol mit dem Luftschiff «America» von Virgohamna aus im nordwestlichen Svalbard zu erreichen. 1909 gab er etwa 100 km nördlich der Inselgruppe sein Unterfangen auf.

Amundsen tritt auf den Plan

1925 versuchte auch Roald Amundsen, den Nordpol aus der Luft zu erreichen. Seine Freundschaft mit dem amerikanischen Millionärssohn Lincoln Ellsworth sicherte die Finanzierung. Mit zwei „Flugbooten“, dem N-24 und N-25, hoben Amundsen, Ellsworth und vier weitere Expeditionsteilnehmer in Svalbard ab. Sie kamen weiter als alle Expeditionen zuvor, auf 87 Grad Nord mussten sie jedoch notlanden. Eines der Flugzeuge war beschädigt und die Männer mussten 600 Tonnen bewegen, um ein Rollfeld herzustellen. Nach 25 Tagen auf dem Eis konnten sie schließlich nach Ny-Ålesund zurückkehren.

Das Luftschiff „Norge“

Für den nächsten Versuch wandte sich Amundsen an Italien als führende Luftschiff-Nation Europas. Hier kontaktierte er den damals führenden Luftschiffingenieur Umberto Nobile, um das Luftschiff «Norge» in Auftrag zu geben. Amundsen, Nobile, Ellsworth und eine internationale, 16-köpfige Mannschaft hoben am 11. Mai 1926 in Ny-Ålesund ab. Bereits in der darauffolgenden Nacht, um 2 Uhr, konnten sie die italienische, amerikanische und norwegische Flagge über dem Pol abwerfen. Drei Tage später erreichten sie Teller in Alaska – die Weltpresse überschlug sich vor Begeisterung und Amundsens Portrait erschien auf der Titelseite der «New York Times», während der Einsatz der Italiener weniger im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. 

Das Luftschiff «Italia»

1928 unternahm das Italien Mussolinis einen weiteren Versuch, zum Nordpol vorzudringen. Nach dem Abflug von Ny-Ålesund am 23. Mai erreichte die Mannschaft ihr Ziel. Auf dem Rückflug nach Svalbard kam jedoch starker Gegenwind auf, und unter widrigen Bedingungen schlug das Luftschiff schließlich auf dem Packeis auf. 10 Expeditionsteilnehmer wurden aus der Führergondel geschleudert, während 6 Männer mitgerissen wurden, als das Luftschiff wieder abhob und vom Wind fortgetragen wurde. Das Schicksal dieser Männer ist unbekannt.

48-tägiges Drama

Zehn Männer, viele von ihnen verletzt, saßen am Ort der Havarie 100 km nördlich von Nordostland fest. Ihre Notrufe konnten aufgefangen werden, woraufhin Rettungsaktionen mit Flugzeug, Eisbrecher, Skiern und Hundeschlitten eingeleitet wurden. Diese Maßnahmen waren jedoch isolierte Versuche, eine zentral koordinierte Rettungsaktion gab es nicht. Auch Roald Amundsen brach mit fünf Begleitern in einem französischen Flugzeug auf, um seinen früheren Expeditionspartner Nobile aus dem Eis zu holen. Am 18. Juni stürzte er jedoch bei der Insel Bjørnøya ab und kam ums Leben.

Rettung

Am 23. Juni gelang es dem schwedischen Pilot Einar Lundborg, mit einem Kufenflugzeug zu landen und Umberto Nobile auszufliegen. Bei der nächsten Landung havarierte sein Flugzeug jedoch, weshalb Lundborg ebenfalls am Unglücksort festsaß. Am 12. Juli schließlich wurden die insgesamt sieben Überlebenden vom russischen Eisbrecher Krassin gerettet. Somit bezahlten acht der 16 Expeditionsteilnehmer das Vorhaben mit ihrem Leben.

Nachspiel

Mussolinis Italien distanzierte sich daraufhin von der Expedition und sprach Umberto Nobile jegliche Ehren ab, da ihm als Kapitän vorgeworfen wurde, den Unglücksort vor seiner Mannschaft verlassen zu haben. 1945 wurde Nobile in Italien rehabilitiert. Auch in Norwegen war sein Einsatz noch bis vor Kurzem umstritten, erst in jüngster Vergangenheit setzte sich eine etwas wohlwollendere und differenziertere Sichtweise durch. 

Spitzbergen Airship Museum

Das Spitzbergen Airship Museum in Longyearbyen vermittelt die fesselnde Geschichte der Nordpolfahrten in Text, Bildern, Filmen und Zeitungsausschnitten und zeigt Sonderbriefmarken und weitere Kuriosa zum Thema. Unter den Gegenständen befindet sich auch das Logbuch der «Norge», ein Geschenk der Gemeinde Lauro bei Neapel, Nobiles Geburtsort. Lauro spendete zudem ein Gemälde anlässlich der Eröffnung des Museums. In Vadsø ragt noch immer der Mast des Luftschiffes in den Himmel, den sowohl die «Norge» als auch die «Italia» zum Anlegen nutzten. In Tromsø befindet sich ein großes Denkmal der Italia-Expedition und das Polarmuseum behandelt das Thema im Rahmen seiner Ausstellungen.

www.visitsvalbard.com hat mehr Touristeninformation über Svalbard (Spitzbergen).