Am Grønfjord auf Svalbard stößt man auf eine russische Bergbaustation, in der etwa 470 überwiegend ukrainische Einwohner leben. Begleiten Sie uns zu diesem Denkmal aus der Sowjetzeit und dem Kalten Krieg.

Lenin

Mitten in Barentsburg vor einem Wohnblock blickt Lenin von einem hohen Sockel weit über den Grønfjord. Während Lenindenkmäler nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den meisten Städten des ehemaligen Ostblocks entfernt wurden, durfte er hier bleiben –nachvollziehbar vor dem Hintergrund, dass Barentsburg seine Blütezeit unter der Sowjetunion erlebte. Heute vermittelt die kleine Gemeinde einen etwas verlassenen Eindruck.

Bauhistorisch unterschiedliche Epochen

Architektonisch ist Barentsburg ein Stück Russland in der Arktis. Einige Gebäude überlebten sogar den 2. Weltkrieg. Ein Teil der Holzhäuser stammt aus der Wiederaufbauzeit nach dem Krieg, die meisten befinden sich jedoch im Verfall. Heute dominiert die sowjetische Betonarchitektur aus den 70er und 80er Jahren, wodurch sich Barentsburg erheblich von der Nachbarstadt Longyearbyen unterscheidet. Eine beginnende Restaurierung brachte das 21. Jahrhundert nach Barentsburg. Viele Fassaden wurden mit farbenfrohen Wandmalereien verziert – von Schülern, die einen erheblichen Teil des Jahres in einem verschneiten Umfeld verbringen.

Vollwertig ausgestattete Gemeinde

Die 470 Einwohner von Barentsburg leben in einem gemeinsamen Wohnblock. Für die rund 20 Kinder gibt es eine eigene Schule. Auch eine komplette Sportanlage mit Salzwasserschwimmbad steht zur Verfügung. Am Rand der Siedlung blickt die kleine, achteckige orthodoxe Kirche im nordrussischen Stil über den Fjord. Außerdem gibt es eine Bar und das frisch renovierte Barentsburg Hotel bietet eine Kantine, in der die Einwohner ihre Mahlzeiten gemeinsam einnehmen.  

Russisch, niederländisch, sowjetisch

Barentsburg wurde 1916 vom russischen Zarenreich gegründet. 1920 wurde der Standort an eine niederländische Gesellschaft verkauft, die die Siedlung dann „Barentsburg“ taufte. Die Niederländer investierten erheblich in die Anlage, stellten den Betrieb 1926 jedoch aufgrund von Geldmangel ein. 1932 wurde Barentsburg schließlich von der sowjetischen Gesellschaft Arktikugol aufgekauft, die den Ort noch heute betreibt.

Krieg und sowjetische Vorzeigesiedlung

Während des Krieges, im Jahr 1941, evakuierte man die sowjetischen Einwohner nach Archangelsk. 1943 wurden beim Angriff des deutschen Schlachtschiffes Tirpitz so gut wie alle Häuser in Brand gesteckt. Nach dem 2. Weltkrieg wurde Barentsburg jedoch wieder aufgebaut. Seit den frühen 1950er Jahren wieder voll in Betrieb, galt der Standort als sowjetischer Außenposten mit Vorzeigecharakter.

Die guten Jahre

Nicht jeder ergatterte den begehrten Zweijahresvertrag – vor allem sowjetische „Musterarbeiter“ genossen das Privileg eines Aufenthalts in Barentsburg. Die Sowjets lebten meist in Familien zusammen, im Gegensatz zu Longyearbyen, wo sich vor allem Männer aufhielten. Die über 1000 Einwohner produzierten selbst Milch, Eier und Gemüse. In den 1970er und 80er Jahren wurde der Gebäudebestand erneuert, wobei zweistöckige Holzhäuser durch Betonarchitektur ersetzt wurden. Die Rentabilität der Kohleproduktion schwand jedoch, weshalb die Anwesenheit der Sowjets wohl eher geopolitischen Interessen als dem Bedarf an Kohle geschuldet war.

Verfall und Katastrophe

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde auch die Gegenwart der Russen auf der Inselgruppe stark reduziert und die größte Siedlung, Pyramiden, gänzlich stillgelegt. Auch in Barentsburg verringerte sich die Bevölkerungszahl von über 1000 auf etwa 470 . 1996 stürzte ein russisches Flugzeug mit 141 Menschen an Bord beim Landeanflug auf den Flugplatz vom Longyearbyen direkt in den Operaberg, alle Passagiere kamen ums Leben. Im Jahr darauf starben bei einer Explosion im Kohlebergwerk 23 Grubenarbeiter.

Anfahrt nach Barentsburg

Da Barentsburg keinen Flugplatz hat und ebensowenig über eine Zufahrtsstraße verfügt, kann man den Ort nur mit Hilfe organisierter Reisen erreichen. Im Sommer werden von Longyearbyen aus diverse Bootsfahrten über den Isfjord angeboten, dann steigt man vom Kai aus über 140 Treppenstufen zur kleinen Hauptstraße hinauf. Im Winter kann man sich einer Schneescootertour anschließen. Vor Ort werden häufig geführte Rundgänge angeboten und man kann im Hotel zum Mittagessen gehen. Danach bleibt noch genügend Zeit für Erkundungen auf eigene Faust und einen Besuch des Souvenirladens. Wer möchte, kann sich im kleinen Museum über die Geologie und die russische Siedlungs- und Bergbaugeschichte auf der Inselgruppe informieren.