160.000 Soldaten auf 10.000 Zivilpersonen, 1000 Mal Fliegeralarm und 328 Bombenangriffe – das abgelegene Süd-Varanger befand sich mitten im Geschehen des 2. Weltkrieges. Das Grenzlandmuseum Kirkenes vermittelt vor allem dessen Auswirkungen für die Zivilbevölkerung vor Ort.

Sowjetisches Kampfflugzeug

Zentraler Bestandteil der Kriegsausstellung ist ein sowjetisches Kampfflugzeug, eine Iljusjin IL2M3M. Während der Gefechte um Kirkenes im Oktober 1944 war es gezwungen, auf einem See notzulanden. Obwohl die Landung gelang, kam der hinten sitzende Schütze um, da er aus niedriger Höhe mit dem Fallschirm abgesprungen war, während sich der Pilot selbst hinter die sowjetische Front flüchten konnte. Das Flugzeug versank im See, wurde jedoch 1947 aufgefunden und 1984 an die Sowjetunion zurückgegeben. Anlässlich des Aufbaus des Grenzlandmuseums wurde es schließlich von Russland gespendet und die Ausstellung wurde rund um das Flugzeug konzipiert.

Stadt an der Front

Im Frühjahr 1941 griff Hitler-Deutschland im Rahmen des „Unternehmens Barbarossa“ die Sowjetunion an. Von Kirkenes im besetzten Norwegen rückten die deutschen Truppen in Richtung Murmansk vor. Einige -zig Kilometer hinter der russischen Grenze wurden sie jedoch am Fluss Litsa gestoppt und es entflammte ein über dreijähriger Stellungskrieg. Süd-Varanger wurde dabei zum Aufmarschgebiet: über 160.000 deutsche Soldaten hielten sich in einer Gemeinde mit gerade einmal 10.000 Einwohnern auf.

Bombenangriffe

Ab 1943 ging die Sowjetunion verstärkt in die Offensive über, weshalb Kirkenes nun immer mehr sowjetischen Luftangriffen ausgesetzt war. Die Zivilbevölkerung suchte Schutz in der Andersgrotta, einem provisorischen Luftschutzbunker mitten in der Stadt. Über 1000 Mal wurde Fliegeralarm ausgelöst, 328 Mal wurde die Stadt tatsächlich bombardiert.

Partisanen

Eine Reihe junger Norweger, die an der Finnmarksküste lebten, schlug sich auf die Seite der Sowjetunion. Über die Fiskar-Halbinsel gelangten sie heimlich auf die Kola-Halbinsel, wo sie für den Spionagedienst ausgebildet wurden. Anschließend verteilte man sie auf Observationsposten entlang der Finnmarksküste, von wo aus sie der Sowjetunion über den deutschen Schiffsverkehr und die militärischen Aktivitäten Bericht erstatteten. Diese Partisanen lebten unter extrem einfachen Bedingungen und hatten keinen Kontakt zur Zivilbevölkerung oder zu ihrer Familie. Nach dem Krieg folgte der Kalte Krieg, der Konflikt mit der Sowjetunion. In dieser Zeit wurden viele der Partisanen verdächtigt, mit dem Kommunismus zu sympathisieren.

Dagny Loes Decke

Dagny Loe war eine junge Frau aus Berlevåg, deren Mann, ein Partisane, von den Deutschen aufgespürt und in Kirkenes hingerichtet wurde. Dagny wurde in mehrere Konzentrationslager in Deutschland und Polen verbracht. Zu ihren persönlichen Gegenständen gehörte eine Decke, in die sie die Namen der Konzentrationslager stickte, die sie durchlief. Obwohl sie nicht damit rechnete zu überleben, konnte sie unversehrt nach Berlevåg zurückkehren – mit der Decke. Im Alter spendete sie die Decke an das Grenzlandmuseum, wo sie an zentraler Stelle zu sehen ist.

Flucht ins Bergwerk

Im Herbst 1944 brachen die deutschen Stellungen an der Litsa-Front ein und die Bodenkämpfe näherten sich der Stadt Kirkenes. Die Lokalbevölkerung zog sich daraufhin in die Bergwerksstollen des benachbarten Grubenortes Bjørnevatn zurück. Hier lebten 2000 bis 3000 Menschen zwei bis drei Monate lang. 11 Kinder wurden in den Stollen geboren. Am 24. Oktober 1944 wurde die Region Kirkenes schließlich von den sowjetischen Soldaten befreit – als erster Landesteil Norwegens.

Bei schwedischen Familien

Das Leben in der Ruinenstadt Kirkenes war nach dem Krieg hart und vom Mangel an dem Notwendigsten geprägt. Im Herbst 1945 wurden daher viele Kinder aus Kirkenes nach Schweden gesendet, um dort bei Gastfamilien «aufgepäppelt» zu werden. Den meisten Kindern ging es hier gut, einige litten jedoch unter der Situation. Auf jeden Fall war die Wiedersehensfreude unermesslich, als am 17. Mai 1946 das Rückkehrer-Schiff mit den Kindern in Kirkenes eintraf. Manchen hatte das Leben in Schweden allerdings so sehr zugesagt, dass sie es vorzogen, nicht mehr in die Baracken von Kirkenes zurückzukehren.

Kriegsmuseum mit Fokus auf die Zivilbevölkerung

Im Grenzlandmuseum werden Themen wie die sowjetischen Kriegsgefangenen, deportierte Lehrer und viele weitere Aspekte behandelt, die die Zivilbevölkerung betrafen. Somit ist das Museum weit von einem traditionellen Kriegsmuseum mit Uniformen, Waffen und Karten mit Frontlinien entfernt – dies wird in groben Zügen vermittelt. Stattdessen stehen die Menschen im Fokus, die sich im Kreuzfeuer der militärischen Handlungen befanden.

Weitere Ausstellungen

Die Ausstellung zum 2. Weltkrieg weckt vermutlich das größte Interesse. Doch auch weitere Ausstellungen des Museums vermitteln wichtige Aspekte des Werdegangs der Region. Da Kirkenes eine Wiederaufbaustadt ist, sind auch die Fotos der Arztgattin Ellisif Wessel aus der vorigen Jahrhundertwende überaus interessant. Sie zeigen eine sich rasant entwickelnde Kleinstadt sowie die ethnischen Hintergründe der Bevölkerung. Eine weitere Ausstellung behandelt den Eisenerzabbau in Bjørnevatn. Auch das John-Savio-Museum ist im Gebäude des Grenzlandmuseums untergebracht.

Besuch des Grenzlandmuseums

Ein zwanzigminütiger Spaziergang führt vom Stadtzentrum zum Grenzlandmuseum, von wo aus man einen herrlichen Blick über den See Førstevannet hat. Wer möchte, kann auch einen der täglich verkehrenden Busse ab dem Hurtigruten-Kai nehmen. Kirkenes ist der Endpunkt der Küstenschifffahrtslinie Hurtigruten, wird mehrmals täglich direkt von Oslo aus angeflogen und bietet eine gute Auswahl an Unterkünften und Restaurants.